Gesundheit, Medizin, Lebenswelten und Existenzsicherung
Health, Medical Care, Life-Worlds and Livelihoods
Donnerstag, 24.1., bis Freitag, 25.1.2008
Beschreibung
In den letzten Jahren wurde vermehrt gefordert, Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit zu verstehen, sondern in einem präventiven Sinn.
Der Körper des Menschen wird nicht mehr lediglich als eine biologische Einheit betrachtet, die durch äußere Einflüsse erkranken kann.
Zunehmend wird das Entstehen von Gesundheit als ein Prozess verstanden.
An diesem Prozess sind sowohl die betreffende Person als auch äußere Faktoren beteiligt.
Vereinfacht gesagt erreicht man eine positive Entwicklung der Gesundheit im Idealfall durch einen
ausgeglichenen Lebensstil, der in allen Bereichen des Lebens um das eigene Wohlbefinden bemüht ist.
In „westlichen“ Zivilisationen haben die Menschen prinzipiell die nötigen Ressourcen für einen
derartigen Lebensstil.
Außerdem hat sich eine breite Präventionsindustrie etabliert, die die Bedürfnisse derartiger Lebensentwürfe bedient. Viele Akteure und Organisationen wollen nicht zuletzt auch ökonomisch von dieser Entwicklung profitieren.
Doch nicht überall im „Westen“ lassen sich medizinische Versorgung und Gesund-heitsförderung durchsetzen. Selbst dort, wo die nötigen Ressourcen vorhanden sind, werden die entsprechenden Lebensentwürfe oft nicht umgesetzt. Dies zeigt sich sowohl auf der institutionellen als auch der individuellen Handlungsebene.
In Entwicklungsgesellschaften existieren auf diesen beiden Ebenen in besonderem Maße Restriktionen. Es scheint so, als ob hier lediglich eine pathogenetisch ausgerichtete Minimalversorgung möglich wäre, die sich darum bemüht, die schlimmsten Krankheiten zu verhindern. Oder wären gerade hier präventive Ansätze, auch unter Einbeziehung lokaler Krankheits- und Körperkonzepte, möglich? Führt fehlende Gesundheitsförderung unter ärmlichen Bedingungen zu erhöhter Verwundbarkeit oder gefährdet sie sogar die Existenzgrundlage der Menschen?
Die globale Ausbreitung neuer bzw. wiederkehrender Infektionskrankheiten (z.B. HIV/AIDS, Tuberkulose, Malaria) und moderner Zivilisationskrankheiten (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes) macht vor allem Folgendes deutlich. Eine Strategie, die zur Bekämpfung von Krankheiten alleine auf biomedizinische Forschung und Entwicklung setzt, wird diesen Entwicklungen nicht wirkungsvoll begegnen können. Außerdem wird deutlich, dass auch die Vorstellung, Gesundheitsrisiken (z.B. HIV-Infektion) könnten durch Aufklärung und Gesundheitsbotschaften reduziert werden, nur von begrenzter Tragweite ist. Gesundheit ist sowohl eine Frage individueller Wertvorstellungen und Lebensstile als auch in hohem Maße von soziokulturellen Praktiken (z.B. Stigmatisierung, Diskriminierung) geprägt und vom Zugang zu sozialen, ökonomischen und ökologischen Ressourcen der Lebensumwelt (z.B. Bildung, Wohnraum, Trinkwasser) abhängig.
Zentrale Fragen
Im Mittelpunkt des Workshops steht die Frage, wie aus moderner sozialwissenschaftlicher Perspektive die Komplexität dieses Themenfeldes adäquat erfasst werden kann.
Welche Prozesse sind einer sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich?
Wie weit muss der Blick gefasst werden?
Was ist der Mehrwert einer gesundheitsorientierten Perspektive?
Welche Chancen bietet, welche Grenzen besitzt eine auf institutionelle und individuelle Handlungspielräume und Durchsetzungskräfte fokussierende Perspektive?
Inwiefern kann aus gesundheitsbezogenen Analysen ein Mehrwert auch für andere sozialwissenschaftliche Studien zu Bedrohungen, Risikoproduktionen und deren gesellschaftlicher Aushandlungen gewonnen werden?
Welche Anregungen können Studies of Health, Healing and Well-being aus Risiko- und Verwundbarkeitsansätzen beziehen?
Welche konzeptionellen, methodischen und inhaltlichen Anforderungen gibt es für die Geographie, Ethnologie, Soziologie und Gesundheitswissenschaften?
Welche Implikationen ergeben sich für die geographische Entwicklungsforschung?