Neue erkenntnistheoretische Wege geographischen Denkens
Potenziale des Pragmatismus für die Geographie
Ort: Institut für Geographie, Universität Erlangen-Nürnberg
Termin: 03. und 04. Dezember 2009
- unterstützt von der Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung -
Wo liegt der Mehrwert, wenn sich Geographen mit Erkenntnistheorie beschäftigen? Diese und weitere Fragen wurden während der Tagung „Neue erkenntnistheoretische Wege geographischen Denkens – Potenziale des Pragmatismus für die Geographie“ am 3. und 04. Dezember 2009 von einer rund vierzigköpfigen Gruppe interessierter Human- und Physischer Geographen in Erlangen zwei Tage lang diskutiert.
Ziel der von Klaus Geiselhart (Erlangen) und Christian Steiner (Mainz) in Verbindung mit dem Geographie-Master-Kurs der Universität Erlangen organisierten Tagung war es dabei, zu einer kritischen Diskussion des Potenzials des bislang in der Geographie nur rudimentär rezipierten amerikanischen Pragmatismus anzuregen. Der klassische Pragmatismus geht vor allem zurück auf Charles Sanders Peirce, William James, John Dewey und George Herbert Mead und wurde später im so genannten Neopragmatismus von Hillary Putnam, Richard Rorty und John Austin weiterentwickelt. Obwohl der Pragmatismus in einigen Nachbardisziplinen der Geographie, wie der Philosophie, der Soziologie und der Pädagogik prägende Spuren hinterlassen hat, wurde er bisher in der angelsächsischen wie in der deutschen Geographie nur spärlich wahrgenommen, ja ist in weiten Teilen bisher unbekannt unter Geographen. Gleichzeitig lässt sich eine Renaissance des Pragmatismus in benachbarten Disziplinen beobachten und auch in der deutschsprachigen Geographie werden in den letzten Jahren vereinzelt geographische Arbeiten mit dezidiert pragmatischem Hintergrund sichtbar. Im Pragmatismus fußende Konzepte, wie das des Kreativen Handelns oder der Performativität, erfahren auf der fachtheoretischen Ebene immer mehr Aufmerksamkeit und ließen es als lohnen erscheinen, sich mit den Potenzialen des Pragmatismus für die Geographie näher auseinander zu setzen.
Um in die bislang wenig in der Geographie rezipierten Grundkonzeptionen des Pragmatismus etwas näher einzuführen und so eine gemeinsame Arbeitsgrundlage für die Tagung zu schaffen, war es erfreulicherweise gelungen geographieexterne Referenten für die Auftaktvorträge zu gewinnen. Der Philosoph Jens Kertscher (Darmstadt) führte in die „Grundgedanken des Pragmatismus und deren neopragmatistische Wendungen“ ein. Ihm gelang es dabei in sehr prägnanter Weise, Orientierung zu schaffen im Angebot der vielfältig ausdifferenzierten pragmatischen Ansätze. Im Zentrum der Pragmatischen Philosophie steht die Erkenntnis, dass die binären Kategorien wahr/falsch unserer Welt-Erfahrung nicht hinreichend gerecht werden. Wissen nähert sich insofern nicht einer vorexistierenden Wahrheit an, sondern stellt ein kontingentes Erklärungsmuster unserer Lebenswelt dar und entsteht abduktiv im Rahmen kreativer, alltäglicher Forschungspraktiken. Es stellt in diesem Sinne lediglich eine nahe liegende und bewährte Erklärung dar, die Menschen auf der Basis ihrer Wertesysteme und Erfahrungen entwickeln. Der Fachvortrag des Philosophen Helmut Pape (Bamberg) über „Die semiotischen Grundlagen der Erkenntnistheorie des Pragmatismus“ bot eine durchaus herausfordernde Einführung in die Sprachpragmatik von Charles Sanders Peirce während Hans-Joachim Schubert (Mönchengladbach) die Konsequenzen einer pragmatischen Perspektive für ein anderes Verständnis von Handlung skizzierte und dafür die Theorie Kreativen Handelns von Hans Joas von bekannten handlungstheoretischen Ansätzen deutlich abgrenze. Schubert gelang es dabei eindrücklich die Stärken des prozessual und auf Innovation orientierten Handlungskonzeptes des Pragmatismus gegenüber den bekannten Ansätzen zu verdeutlichen. Den Brückenschlag von den philosophischen Grundlagen hinein in die Praxis geographischen Arbeitens unternahm Ute Wardenga (Leipzig), die sich in historischer Perspektive mit den Forschungspraktiken in der klassischen Geographie und insbesondere der Geomorphologie beschäftigte. Sie enthüllte überraschende Parallelen (geomorphologischer) Forschungspraxis bei Penck und Hettner zum Grundkonzept des Erkenntnisprozesses im Pragmatismus. Die Beiträge des ersten Tages lieferten vielfältige Anregungen, um beim gemeinsamen Abendessen bis spät in den Abend die Diskussionen fortzuführen.
Den zweiten Tag eröffnete der Vortrag von Klaus Geiselhart (Erlangen) über „Erfahrung wider die kulturtheoretische Weltvergessenheit“ in dem er theoretisch-konzeptionelle Überlegungen über den Erfahrungsbegriff bei Dewey mit der Vorstellungen eines empirischen Forschungsprojektes zum Konsumverhalten und Einkaufserlebnis bei Studierenden kombinierte und insbesondere auch für die innovative Publikationsform der Studie im Internet Lob erntete. Jonathan Everts (Bayreuth) thematisierte mit seinem Vortrag die Rolle von Emotionen und insbesondere von Angst, die er als eine Art der Bedeutungszuschreibung im reflexiven Verhältnis von Menschen zu ihrer Lebenswelt auffasste. Emotionen tragen so dazu bei, über ihren Einfluss auf alltägliche Praktiken geographische Wirklichkeiten zu produzieren. Christian Steiner (Mainz) thematisierte die Grenzen eines utilitaristischen Handlungskonzeptes in den Wirtschaftswissenschaften am Beispiel der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise und diskutierte, welche Konsequenzen und Potenziale die Hinwendung zu einer pragmatischen Perspektive und dem Modell Kreativen Handelns für wirtschaftswissenschaftliches Arbeiten implizieren würde. Eine „Peirce-pektive auf die Wissenschaftssprache vom Raum“ stellt Stefan Berwing (Mannheim) vor und versucht so mit Hilfe sprachpragmatischer Ansätze die Verwendung des Raumbegriffs im Kontext des Entdeckungszusammenhangs geographischer Forschung näher zu fassen, gleichsam eine „Culture of Geography“ aufzuzeigen. Den Bogen zum geographischen Auftaktvortrag von Ute Wardenga schlug schließlich Philippe Kersting (Mainz) mit einer Reflektion über integrative Ansätze in der Geographie aus einer kulturtheoretisch und pragmatisch informierten geomorphologischen Perspektive.
Anstatt der üblichen Abschlussdiskussion hatten die Organisatoren Peter Weichhart (Wien) und Heiner Dürr (Bochum) gebeten die Tagung inhaltlich jeweils mit einem persönlichen Fazit der Tagung und mit ihrer individuellen Einschätzung möglicher Potenziale des Pragmatismus für die Geographie zu beschließen. Beide strichen zunächst die angenehme und intensive Atmosphäre der Tagung heraus, die einen äußerst produktiven Gedankenaustausch auf hohem Niveau zur Folge hatte. Dies sei auch durch die engagierte und offene Mitarbeit der Teilnehmer, wie durch die großzügig angesetzten Diskussionszeiten ermöglicht worden.
Peter Weichhart hob besonders hervor, dass der Pragmatismus, wie sich im Verlauf der Tagung gezeigt habe, offenbar als Hintergrundtheorie zahlreicher Fachtheorien bereits in die Geographie eingesickert sei, ohne dass dies weithin bekannt sei. Eine explizite Beschäftigung mit dem Pragmatismus erscheine für eine Schärfung des eigenen Standpunktes daher lohnenswert, um eine nachholende Theoretisierung der fachtheoretisch orientierten geographischen Praxis zu erreichen. Eine Stärke des Pragmatismus liege dabei in der Erhöhung der Sensibilität für die Kontextualität des Forschungsprozesses und den prozessualen und performativen Charakter der Wirklichkeitsproduktion. Er bringe als Konsequenz die Aufhebung von Polarisierungen und Dichotomien mit sich, die mittels ihrer sprachlichen Konstitution als quasi-natürliche Unterscheidungen wahrgenommen werden und so unsere Denkmöglichkeiten begrenzten. Für Weichhart bietet der Pragmatismus darüber hinaus gerade für einen sozialkonstruktivistischen Zugang zur lebenspraktischen Realität von Materialität einen möglichen und vielversprechenden Ansatz. Der Pragmatismus sei insofern als Beitrag zu einem theoretisch-perspektivischen Pluralismus zu begrüßen, plädiere er doch sogar für die Verabschiedung von einem Vereinheitlichungsidealismus und öffne so das Feld für mannigfaltige Zugänge zu den Geographien unserer Lebenswelt.
Auch Heiner Dürr unterstrich in seinem Fazit der Tagung das große metatheoretische Potenzial des Pragmatismus für die Konzeptionalisierung von Pluralität und eine nachholende Theoretisierung geographischer Forschungspraxis. Sowohl Peter Weichhart wie auch Heiner Dürr wiesen jedoch auch darauf hin, dass angesichts der stark konzeptionell ausgerichteten Vorträge der Tagung die Frage noch weitgehend offen geblieben wäre, wie pragmatistische Ansätze in konkrete empirische Forschungsfragen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen zu integrieren und zu operationalisieren seinen – ein Punkt der für die weitere Fruchtbarmachung des Pragmatismus für die Geographie sicherlich eine der zukünftigen Hauptaufgaben darstellt. Dass die Beschäftigung mit dem Pragmatismus jedoch in besonderem Maße und zuallererst ein zutiefst emanzipatorisches Erkenntnisinteresse bedient und insofern durchaus quer zu den aktuellen wissenschaftspolitischen Ausrichtungen universitärer Forschung hin auf unmittelbare Drittmitteleinwerbungsfähigkeit und Publikationsorientierung liegt wurde von beiden Rednern positiv hervorgehoben und insbesondere von Heiner Dürr mit der Aufforderung an die Vortragenden verbunden, auf ihrem Weg weiterzumachen.
Ganz im Sinne des klassischen Pragmatismus schloss die Tagung damit sowohl mit einem befriedigenden Gefühl wie auch mit ungeklärten Fragen, die Anlass zu neuen Forschungspraktiken liefern dürften. Diese zu adressieren musste diesmal jedoch Aufgabe an eine mögliche Fortsetzung der Tagung in der Zukunft bleiben.
- Dieser Tagungsbereicht ist gleichlautend im Rundbrief Geographie, Heft 223 März 2010 erschienen -







