Forschungsprojekt
Bearbeitung: Dr. Henning FĂŒller
Zeitraum: 2010 - 2013
MegastĂ€dte des globalen SĂŒdens werden zunehmend als RisikorĂ€ume, d.h. als Orte, die besonders durch globale soziale und ökologische Entwicklungen getroffene sind, aber auch als Entstehungsorte globaler Bedrohungen wahrgenommen. Parallel findet eine Ausweitung des Sicherheitsbegriffs der Internationalen Beziehungen statt. Unter anderem Gesundheitspolitik wird seit kurzem unter dem Schlagwort der Human Security zu einem Gegenstand der Sicherheitspolitik. In der Verschneidung dieser beiden Beobachtungen zielt das Forschungsvorhaben auf das Problemfeld der Urban Health Governance in MegastĂ€dten. Mit Hilfe eines konstruktivistischen Ansatzes soll die VerĂ€nderung von Gesundheitspolitik âon the groundâ nachvollzogen werden. Die Arbeit analysiert die âUrban Health Governanceâ mittels eines besonderen Fokus auf das politische Eigenleben der Dinge, d.h. den RealitĂ€ten, die ein Risikodenken, eine âVersicherheitlichungâ von Gesundheitspolitik und die eingesetzten Verfahren selbst schaffen.
1 Hintergrund - Megacities und Global Health
Das stetige Bevölkerungswachstum und die weiter zunehmende Landflucht in weiten Teilen der Erde fĂŒhren zu einer fortgesetzten VerstĂ€dterung. Insbesondere fĂŒr den globalen SĂŒden lautet die einhellige Prognose: Megacities (Ehlers, 2009; Schwentker, 2006). Bis zum Jahr 2025 werden es 27 solcher StĂ€dte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern sein, vorwiegend im globalen SĂŒden (National Intelligence Council, 2000, S. 29). Eine Zukunftserwartung, die meist auch als Problembeschreibung gemeint ist (Heinrichs und Nuissl, 2007; Kraas, 2007; Mertins und Kraas, 2008; MĂŒnchener RĂŒck, 2005). Ăberwiegend wird das rapide StĂ€dtewachstum als Entstehung von RisikorĂ€umen wahrgenommen. Demnach entstehen hier Orte, die besonders anfĂ€llig sind fĂŒr ökologische Krisen, Orte mit extremer sozialer Polarisierung (vgl. Davis, 2004) und daraus resultierenden sozialen Spannungen, hoher KriminalitĂ€t und alltĂ€glicher Gewalt.1 Der erwartete globale Klimawandel bedeutet hier eine zusĂ€tzliche VerschĂ€rfung, da die meisten MegastĂ€dte als besonders anfĂ€llig fĂŒr dessen Folgen gelten. Ăberschwemmungen und der Anstieg des Meeresspiegels bedrohen KĂŒstenstĂ€dte, Starkregen ist eine Gefahr fĂŒr die an Hanglagen errichteten informellen Siedlungen, DĂŒrren erschweren die bereits problematische Bereitstellung von sauberem Trinkwasser. Zudem wirken solche UmweltverĂ€nderungen teilweise als Push-Faktoren der Landflucht und veranlassen mehr Menschen zu einer Ăbersiedelung in die StĂ€dte (Borsdorf und Coy, 2009). Die hohe Dynamik des Stadtwachstums wird noch verstĂ€rkt.2 Die Bereitstellung entsprechender Infrastrukturen bspw. fĂŒr Verkehr, Wasser- und Nahrungsversorgung ist damit bereits eine extreme Herausforderung, insbesondere aus westlicher Perspektive wird zudem ein Steuerungsdefizit, eine Ăberforderung und Ineffizienz stĂ€dtischer Verwaltung konstatiert (vgl. Mertins und Kraas, 2008). Zu den drĂ€ngenden Problemen fĂŒr die Bewohnerinnen und Bewohner so genannter MegastĂ€dte gehören nicht zuletzt Gesundheitsgefahren und Gesundheitsversorgung. Die Gesundheit wird durch Luftverschmutzung, unzureichendes Trinkwasser und mangelnde ErnĂ€hrung angegriffen. Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Gelbfieber und Malaria können sich in den dicht bewohnten und medizinisch meist nicht ausreichend versorgten StĂ€dten besonders schnell verbreiten (MĂŒnchener RĂŒck, 2005). Zuletzt im Zusammenhang mit der H1N1-Pandemie (Schweinegrippe) und zuvor mit SARS (Hooker, 2006) und H5N1 (Vogelgrippe) ist diese Problematik als globales Risiko thematisiert worden. Jenseits der spezifischen Problematik des rapiden StĂ€dtewachstums im globalen SĂŒden lĂ€sst sich eine generelle Verschiebung der Debatte um öffentliche Gesundheit beobachten. Die Sorge um die Gesundheit der Weltbevölkerung ist nicht mehr nur eine (normative) Zielvorgabe der Entwicklungspolitik sondern wird zunehmend auch als ein Problem internationaler Sicherheitspolitik thematisiert. Sichtbar wird dies beispielsweise im Paradigma der âHuman Securityâ, als ein Politikziel proklamiert etwa durch die UN (UN Commission on Human Security, 2003). Darin wird der internationale Sicherheitsbegriff ĂŒber die klassische internationale (zwischenstaatliche) Sicherheitspolitik hinaus erweitert um Dimensionen, die das individuelle Wohlergehen und die Sicherheit der einzelnen Individuen umfassen, etwa Sicherheitsprobleme, die von Naturkatastrophen ausgehen. Im Zuge dessen kommt es auch zu einer Aufnahme von Gesundheitsrisiken in das Arsenal der Bedrohungsszenarien der Internationalen Beziehungen. UnterernĂ€hrung, mangelnde medizinische Versorgung und AusbrĂŒche von Epidemien werden nun zunehmend auch als Bedrohungen der internationalen Sicherheitsarchitektur begriffen (Elbe, 2010 ; Fidler, 2004 ). Aus dieser Verschiebung resultiert ein neuartiges Politikfeld âGlobal Healthâ jenseits der bisher ĂŒberwiegend nationalstaatlich organisierten Gesundheitspolitik (Bashford, 2006 ; Ingram, 2008; Lakoff und Collier, 2008). Die Entstehung einer neue Politikarena, die einher geht mit einer verĂ€nderten RationalitĂ€t des Eingriffs (Diprose u. a., 2008; Lentzos, 2009) und der Einrichtung neuartiger Instrumente der Governance. Solche Governance-Instrumente sind beispielsweise das globale Netzwerk der FrĂŒherkennung lebensmittelbezogener Seuchen (PulseNet International), das Global Outbreak Alert and Response Network (GOARN) der WHO, oder das von kanadischen NGOs initiierte Global Public Health Intelligence Network (GPHIN) (Briggs und Nichter, 2009 ). In der Verschneidung dieser beiden Beobachtungen, einer zunehmenden Thematisierung des StĂ€dtewachstums als Entstehung von RisikorĂ€umen und dem Aufkommen einer âversicherheitlichtenâ globalen Gesundheitspolitik ist das Forschungsprojekt am Institut fĂŒr Geographie der UniversitĂ€t Erlangen - NĂŒrnberg angesiedelt. Ausgangshypothese ist, dass sich die als Sicherheitspolitik artikulierte Gesundheitspolitik besonders in den so genannten Megacities niederschlĂ€gt und dort die als drĂ€ngend begriffenen Probleme beeinflusst, die zu ergreifenden MaĂnahmen diktiert und damit schlieĂlich zu einer verĂ€nderten Situation fĂŒr die Menschen vor Ort fĂŒhrt. Zu prĂŒfen ist insbesondere, welche Ein- und AusschlĂŒsse das so verĂ€nderte Feld der stĂ€dtischen Gesundheitspolitik produziert. Trotz einer wachsenden Bedeutung der Stadt als Schauplatz, Aushandlungs- und PrĂ€ventionsfeld etwa von globalen Epidemien sind konkrete Forschungen zur Urban Health Governance, bis auf wenige Ausnahmen (Brown, 2009; Keil und Harris, 2007), bisher kaum unternommen. MegastĂ€dte bilden als âLaboratorien der Zukunftâ (Megacities - global urbanisation and informal processes) einen besonders interessanten Untersuchungsgegenstand fĂŒr diese Thematik. FĂŒr die Untersuchungsebene Stadt spricht auch, dass hier die Auswirkungen der in der Literatur bereits gut dokumentierten Paradigmenwechsel âGlobal Healthâ einerseits und einer Politik der ârisk governanceâ andererseits konkret zum Ausdruck kommen. Die Bedeutung dieser Entwicklungen fĂŒr die Menschen vor Ort lĂ€sst sich hier gut nachzeichnen.1.1 Ansatz der Untersuchung
Das Forschungsprojekt setzt mit einer Fallstudie zu VerĂ€nderungen der Urban Health Governance in der Metropolregion Hong Kong - Shenzhen im Nachgang der SARS-Epidemie an. Hong Kong ist im Unterschied zu vielen StĂ€dten des globalen SĂŒdens als eine zentrale Schaltstelle in die Weltwirtschaft integriert (Breitung, 2006). Unter anderem dadurch fĂ€llt die Stadt zunĂ€chst aus dem Kreis der StĂ€dte, die bei der Problembeschreibung Megastadt zuvorderst genannt werden. Zugleich erfĂ€hrt die Metropolregion gerade in den letzten Jahren ein rapides Bevölkerungswachstum vor allem durch undokumentierte Migration von dem chinesischen Festland. Das formale Kriterium einer Megastadt, d.h. mehr als 10 Millionen Einwohner erfĂŒllt die Metropolregion mit geschĂ€tzten 15 Millionen Einwohnern leicht. Die SARS-Krise von 2003 bedeutete eine weltweite Aufmerksamkeit fĂŒr die Problematik von Infektionskrankheiten unter Bedingungen fortgeschrittener Globalisierung (Davies, 2008). Besonders in Hong Kong fĂŒhrte der Virus zu einem mehrmonatigen Ausnahmezustand und war Auslöser einer Reihe von MaĂnahmen stĂ€dtischer Gesundheits- und Sicherheitspolitik (Roloff, 2007). Neben Toronto, wo die SARS-Krise ebenfalls besonders prĂ€gnant zum Ausdruck kam mit entsprechender politischer Reaktion (Ali und Keil, 2006), ist das Fallbeispiel der erste Testfall fĂŒr die BewĂ€ltigung des erst jĂŒngst reartikulierten Risikofeldes Pandemie. Interviews, die Aufarbeitung grauer Literatur und Pressedokumente bilden das empirische Material zum Nachvollzug der Entwicklung vor Ort im Zeitraum seit 2003. GemÀà der beobachteten globalen VerschrĂ€nkung im Politikfeld Gesundheit sollen ausgehend davon jedoch explizit mögliche Verbindungen zu Entscheidungen auf anderen MaĂstabsebenen gesucht werden. Veröffentlichungen und MaĂnahmen etwa der WHO, nationaler und internationaler NGOâs, etc. sind entsprechend ebenfalls in den Korpus aufzunehmen. Leitlinie fĂŒr die Bearbeitung der Empirie ist ein topologischer Ansatz jenseits einer einfachen Hierarchie der politischen MaĂstabsebenen (Ali, 2008 ). Vielmehr geht es darum, die relevante Bezugsebene von Gesundheitspolitik nicht im Vorfeld als stĂ€dtisch bzw. national oder global vorauszusetzen, sondern gerade den Prozess der Herausbildung dieses Gegenstandes nachzuzeichnen. Die Metapher der Topologie lenkt dabei den Blick auf die vielfĂ€ltigen Vernetzungen und Verbindungen, die den Gegenstand Urban Health Governance konstituieren: sowohl lokale als auch globale Entscheidungen, Bedingungen und Prozesse; sowohl politische als auch biologische TatbestĂ€nde (Braun, 2008).1.2 Konzeptionelles Werkzeug und Leitfragen
Konzeptionell unternimmt das Forschungsprojekt einen konstruktivistischen Zugriff auf das Themenfeld MegastĂ€dte â Gesundheit â Risiko. Ein wachsender Kanon von Forschungen analysiert unter RĂŒckgriff auf die Arbeiten von Michel Foucault Risiken als soziale Konstruktion und thematisiert das Aufkommen eines Risiko-Denkens als eine spezifische politische Technologie (Ewald, 1993; Lobo-Guerrero, 2010; OâMalley, 2000). Eine Ă€hnliche StoĂrichtung findet sich in der jĂŒngeren konstruktivistischen Wissenssoziologie, die jenseits der GegenĂŒberstellung von Natur und Gesellschaft das politische Eigenleben von Wissensformationen und -techniken betont (Latour, 1993, 2005). Vor diesem doppelten theoretischen Hintergrund soll die epistemologische AmbiguitĂ€t des Risikobegriffs ins Zentrum des Forschungsprojekts gestellt werden. Risiken sind demnach keine beliebigen sozialen Konstruktionen aber zugleich auch keine einfachen Naturgegebenheiten, sondern machtvolle Bedeutungskonstrukte im Spannungsfeld Mensch-Umwelt (Wynne, 2002). Die Analyse zielt somit darauf, Urban Health Governance entlang ihrer Problematisierungen zu befragen, d.h. in welcher Weise und ĂŒber welche Techniken und Praktiken Gesundheit zu einem bearbeitbaren Gegenstand der Stadtpolitik wird.3 FĂŒr das Forschungsprojekt ergeben sich daher folgende Leitfragen:- Wie hat sich die Problematisierung stĂ€dtischer Gesundheitspolitik in Hong Kong seit der SARS-Krise verĂ€ndert?
- Welche Einrichtungen und Verfahren bringen den Gegenstand Urban Health Governance konkret hervor?
- Welche Wechselwirkungen lassen sich aufzeigen zu ĂŒbergreifenden Diskursen wie Risikoraum Megastadt und Global Health?
- Wie erfahren die Menschen vor Ort die derart vorgenommene Fixierung stÀdtischer Gesundheitspolitik?
FuĂnoten
1 So finanzieren derzeit sowohl das Bundesministerium fĂŒr Bildung und Forschung (Projekt Emerging Megacities), die Deutsche Forschungsgemeinschaft (Projekt Megacities Megachallenges) als auch die Helmholtz Gemeinschaft (Projekt Risk Habitat Megacity) groĂ angelegte Verbundforschungen, welche die zukĂŒnftigen Dynamiken in MegastĂ€dten als Risiken konzipieren, greif- und bearbeitbar machen sollen.2 So ziehen Liotta und Miskel folgenden Vergleich: âTo put this in relative terms, if New York City were to have grown at an equivalent rate as Dhaka, its population in 2015 would be 684 million.â 2009, S. 650.
3 Einen Ă€hnlichen Ansatz propagieren Stephen Collier, Andrew Lakoff und Paul Rabinow fĂŒr die Analyse des Gegenstandes Biosicherheit (Collier, Lakoff und Rabinow, 2004).
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