(Un-)Sicherheitsdiskurse und Stadtentwicklung im erweiterten Europa

Regionalisierung und Kontextualisierung am Beispiel Deutschlands, Frankreichs und Polens

Leitung

Prof. Dr. Georg Glasze (FAU Erlangen-Nürnberg) und Prof. Dr. Robert PützProf. Dr. Robert Pütz (Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt am Main)

Bearbeitung

Adam Brailich, M.A., Dipl.-Geogr. Henning Schirmel, Dr. Mélina Germes

Förderung

Volkswagen Stiftung

Dauer

2006-2009

Kurzbeschreibung

Das deutsch-polnisch-französische Projekt setzt sich zum Ziel, die landesspezifischen Formen der Regionalisierung von Sicherheit und Unsicherheit in einem europäischen Vergleich zu analysieren. Ausgangspunkt ist die These, dass die Grenzziehungen zwischen sicheren und unsicheren Räumen nicht durch Kriminalitätsstatistiken ausreichend zu erklären sind, sondern als Ergebnis diskursiver Regionalisierungen entstehen. Fokussiert auf die Fragen, wie Raum und (Un-)Sicherheit diskursiv miteinander verschränkt sind und wie sich diskursive Praktiken der Sicherheitsproduktion national differenzieren, werden entsprechende Diskurse in Deutschland, Frankreich und Polen vergleichend analysiert. Als Fallstudien stehen dabei die (Un-)Sicherheitsdiskurse und Sicherheitspolitiken in Großwohnsiedlungen der Hauptstädte Berlin, Paris und Warschau im Fokus.

Hintergrund und Fragestellung

Sicherheit und Unsicherheit sind in den vergangenen Jahren weltweit zunehmend in den Fokus medialer und politischer Auseinandersetzungen gerückt. Neue Sicherheitspolitiken, die von technischen Überwachungsmaßnahmen über kriminalpräventive städtebauliche Gestaltung bis hin zur Organisation von verstärkter sozialer Kontrolle reichen, tragen dazu bei, dass Sicherheit inzwischen ein konstitutives Element der Stadtentwicklung ist und gleichzeitig eines der zentralen Themen der zeitgenössischen Stadtforschung darstellt. Ausgangspunkt des Forschungsprojekts ist die These, dass „sichere“ und „unsichere“ Räume Ergebnis von Deutung und Bedeutungszuweisungen innerhalb eines sozialen Konstruktionsprozesses sind. Räume, Orte und Plätze sind nicht naturgegeben, sondern stets mit Bedeutungen versehen, die zu einem großen Teil auf sprachlichem Wege verhandelt und vermittelt werden. Die Aushandlung und Zuschreibung von Bedeutungen geschieht jedoch nicht „willkürlich“, sondern sie ist vielfach eingebettet in und geleitet durch gesellschaftliche Regeln und Konventionen. Die Gesamtheit dieser institutionell geregelten Aussagen und deren gesellschaftlicher Kontext werden in einer poststrukturalistischen Lesart als Diskurs bezeichnet. Demnach ist die Abgrenzung und Bezeichnung von Stadtvierteln mit sicheren oder unsicheren Eigenschaften das Ergebnis einer diskursiven Herstellung – einer diskursiven Regionalisierung von (Un-)Sicherheit. Diese unterschiedlichen Regionalisierungen werden im Rahmen des Projekts anhand entsprechender Diskurse in Deutschland, Frankreich und Polen vergleichend analysiert. Als Fallstudien stehen randstädtische Großwohnsiedlungen der Hauptstädte Berlin, Paris und Warschau im Zentrum der Untersuchung. Diese stellen in den drei Ländern ein relativ homogenes Strukturmerkmal der Stadtentwicklung dar und ermöglichen daher eine gute Vergleichbarkeit. Zudem sind sie Gegenstand diskursiver Grenzziehungen zwischen sicheren und unsicheren Räumen und werden als „unsichere Orte“ konstituiert. Indem sie bspw. in einen Kontext mit Gewalt oder Armut und Verrohung gestellt werden, erhalten sie eine bestimmte Bedeutung. Das bedeutet auch, dass Bedeutungen temporär sind und durch ihren jeweiligen gesellschaftlichen Kontext bestimmt werden.

Seit einigen Jahren sind Großwohnsiedlungen zunehmend als Schauplatz für die Etablierung raumbezogener Sicherheitspolitiken zu beobachten. Das Forschungsprojekt geht von der Annahme aus, dass sich der Diskurs um (Un-)Sicherheit länderspezifisch differenziert einschreibt und mit unterschiedlichen („neuen“) Sicherheitspolitiken einhergeht. Diesen „neuen“ Sicherheitspolitiken ist gemein, dass sie einem territorialen Ansatz folgen, sich auf einzelne Raumausschnitte konzentrieren, die als „Problemzonen“ definiert und so zum Interventionsfeld für unterschiedliche Programme werden (Glasze, Pütz und Rolfes 2005). In Warschau entstehen bspw. seit einigen Jahren umzäunte und von privaten Sicherheitsdiensten bewachte Großwohnkomplexe. Auch in den Großwohnsiedlungen in Deutschland und Frankreich zielen neue Sicherheitspolitiken auf die Herstellung sicherer Räume, wobei die Instrumente deutlich differieren.

In den verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten entstehen durch unterschiedliche Institutionengefüge und nationale Entwicklungspfade spezifische Konfigurationen von Raum und Sicherheit. Die Identifizierung des länderspezifischen Ensembles von Institutionen und Organisationen, das an der Sicherheitsproduktion beteiligt ist, die diskursiven Regionalisierungen (re-)produziert und den hegemonialen Diskurs stützt, ist daher ein weiteres wesentliches Ziel des Projekts. In Anlehnung an den von Foucault geprägten Begriff des Dispositivs, das als strategisches Moment gefasst wird, das dazu beiträgt den gegenwärtigen Diskurs und die daran geknüpften Machtverhältnisse aufrecht zu halten (Foucault 1978), wird eine Analyse der machtvollen Instanzen der Sicherheitsproduktion angestrebt.

Fallstudie: Diskursive Regionalisierungen und Kontextualisierungen von Großwohnsiedlungen in Deutschland
Wurden Großwohnsiedlungen in der BRD bis Ende der 1960er Jahre, in der ehemaligen DDR bis zur Wende, mit Fortschritt und Moderne verknüpft, so erscheinen sie heute eher als „gefährliche Orte“, „sozialer Brennpunkt“ und „Problemviertel“. Seit der Wende werden die ostdeutschen Großwohnsiedlungen als Symbol des Niedergangs der DDR und der Schwierigkeiten der deutschen Wiedervereinigung gezeichnet. Zudem scheint der in Westdeutschland dominierende negativ behaftete Diskurs auf den Osten übertragen worden zu sein und hat eine Stigmatisierung auch von Großwohnsiedlungen in Ostdeutschland in Gang gesetzt (Bernt und Kabisch 2006). Den unterschiedlichen Entwicklungspfaden entsprechend sind im Rahmen der deutschen Fallstudie eine Ost- und eine Westberliner Großwohnsiedlung als Untersuchungsgebiete ausgewählt.

Gropiusstadt/ Marzahn

Die seit 1976 entstandene Großwohnsiedlung Marzahn/Hellersdorf im Osten Berlins war vor der Wende ein Aushängeschild sozialistischer Stadtentwicklung. Erste Untersuchungen zeigen, dass sich dieses Bild grundlegend geändert hat und der Stadtteil zunehmend als „verarmt“ und „unsicher“ beschrieben wird. Die Siedlung Gropiusstadt, die im Zeitraum von 1962-75 im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus errichtet wurde, wird bereits seit den 1975er Jahren immer wieder als Angstraum und Problemviertel beschrieben. In den letzten Jahren scheint sich ein Diskurs verfestigt zu haben, der die Gropiusstadt als Ort verfehlter Integration von ausländischen Migranten beschreibt und Konflikte zwischen ausländischen Jugendlichen und der älteren (Stamm-)Bevölkerung ausmacht. Im Falle von Marzahn zeigt sich nach ersten Beobachtungen ein differenziertes Bild der Konstitution des Viertels als unsicherer Stadtraum, das aus verschiedenen Diskussionssträngen um Kriminalität und Gewalttaten, die Integration von Zuwanderern aus den ehemaligen sowjetischen Republiken und Vietnam und die Bedrohung durch den („ostdeutschen“) Rechtsextremismus gezeichnet wird.

Seit einigen Jahren werden in den beiden Großwohnsiedlungen zunehmend neue Sicherheitspolitiken eingeführt, darunter „doormen“-Konzepte und Bestreifungen durch private Sicherheitsdienste im Auftrag von Wohnungsbaugesellschaften. Weiterhin wurden große Teilbereiche der Stadtteile in das Programm Soziale Stadt aufgenommen, in dem es u. a. darum geht, Sicherheit und Ordnung auf städtischer und nachbarschaftlicher Ebene herzustellen und damit einen Beitrag zur Stabilisierung und gar Verbesserung „sozialer Kohäsion“ zu leisten. Dabei werden sicherheitspolitische mit sozial- und beschäftigungspolitischen Strategien verknüpft (Eick 2005). Die neuen governance-Formen (Kommunalisierung und Privatisierung von Sicherheit), wie sie im Rahmen des Programms Soziale Stadt ihren Ausdruck finden, sowie die territorialen Ansätze der „neuen“ Sicherheitspolitik führen einerseits zu einer Verlagerung von einer informellen zu einer formellen sozialen Kontrolle. Andererseits verstärken sie die Ausgrenzung und Stigmatisierung von „unerwünschten Personengruppen“, wie Jugendlichen, Obdachlosen oder Migranten (Hamedinger 2006). Diese „neuen“ Kontextualisierungen von Sicherheit stellen die mit den Regionalisierungen in Wirkungszusammenhängen stehenden neu konfigurierten machtvollen Strukturen und Mechanismen dar, die die Raumvorstellungen von Großwohnsiedlungen als unsichere Räume stützen und zur Umsetzung der neuen Sicherheitspolitiken auf den verschiedenen Ebenen, insbesondere auf der lokalen, beitragen. Deren Identifizierung und kritische Analyse hat sich das Forschungsprojekt zum Ziel gesetzt.

Methodik

Das Projekt bedient sich eines diskurstheoretischen Forschungsprogramms (lexikometrische Verfahren, Narrationsanalyse, Experteninterviews), mit dem sich aufzeigen lässt, wie und mit welchen institutionalisierten Regeln und Praxen sichere und unsichere Räume hergestellt werden.

Literatur

  • Bernt, M. und S. Kabisch (2006): Ostdeutsche Großwohnsiedlungen zwischen Stabilisierung und Niedergang. In: disP 164 (1), S. 5-15.
  • Eick, V. (2006): Feudaler Werkschutz: Das „Unternehmen Stadt“ und seine Filialisten. In: Derive, 24, S.15-19.
  • Foucault, M. (1978): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin.
  • Glasze, G., Pütz, R. und M. Rolfes (Hg.): Diskurs – Stadt – Sicherheit. Städtische (Un-)Sicherheit aus Perspektive von Stadtforschung und Kritischer Kriminalgeographie. Bielefeld, S. 13-58.
  • Hamedinger, A. (2006): Governance: „Neue“ Technik des Regierens und die Herstellung von Sicherheit in Städten. In: Derive, 24, S. 11-19.
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Aktualisiert ( Samstag, den 21. November 2009 um 22:00 Uhr )  

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